Studieren im Krieg
Bild: SOS-Kinderdörfer


Als der Bürgerkrieg in Syrien 2011 losbrach, hatte Abeer Pamuk [24, Bild] gerade ihr Studium der Englischen Literatur an der Universität von Aleppo begonnen. Viele ihrer Freunde sind seitdem ums Leben gekommen, unter anderem durch Explosionen an der Uni inmitten der Prüfungsphase. Abeer engagierte sich als humanitäre Helferin der SOS-Kinderdörfer und schaffte es, ihr Studium zu beenden. Heute arbeitet sie für eine NGO in Washington D.C.

 

Syrien, Afghanistan oder der Irak sind Länder, in denen Gewalt und Angst zum Alltag gehören. Doch auch dort wird studiert. Vier Studenten berichten über ihren Unialltag in den gefährlichsten Regionen der Welt.

 

​Studieren in Aleppo, Syrien

Mosab Zamout [20], Medizin, Universität Aleppo

Student Mosab aus Syrien

„Jedes Mal, wenn ich in Aleppo zur Uni gegangen bin, habe ich mir gedacht ‚Vielleicht komme ich nicht an‘, denn um mich herum sind die Bomben gefallen. Es gab auch Studenten aus meinen Kursen, die auf dem Weg zur Uni gestorben sind. Solange ich in Aleppo studiert habe, war das Unigebäude intakt – Gott sei Dank wurde es nicht von Bomben getroffen. 2015 habe ich mich entschlossen, nach Deutschland zu fliehen. Ich will so schnell wie möglich weiter Medizin studieren. Das wird aber nicht einfach werden, alleine schon wegen der Sprache. Ich mache im Moment einen Sprachkurs, aber die ganzen medizinischen Fachbegriffe muss ich noch lernen. Immerhin bin ich hier in Deutschland sicher, darüber bin ich sehr froh. Aber wenn der Krieg in Syrien vorbei ist, möchte ich wieder zurück, um mein Land aufzubauen. Aber das geht erst, wenn dort Frieden herrscht und das wird nicht so bald passieren. Einfach deshalb, weil niemand in der Welt hilft.“

 

​Studieren in Damaskus, Syrien

Laila Saati [28], Wirtschaft, Universität Damaskus

Studentin Laila aus Syrien

„Ich habe schon 2006 angefangen zu studieren, aber erst 2010 wurde die Situation in Syrien wirklich kritisch. Überall waren Sicherheitskontrollen, weil es Autobomben und Mörserangriffe gab. Die männlichen Studenten hatten immer Angst, in die Armee eingezogen zu werden – nur solange sie studierten, waren sie davor sicher. Einige fielen deswegen extra durch die Klausuren, um ihren Abschluss hinauszuzögern. Einer meiner Freunde musste in die Armee eintreten und wurde nach Homs geschickt. Er überlebte als einziger aus seiner Brigade und floh zurück nach Damaskus. Da wurde er gefoltert und getötet, weil sie dachten, er würde sich den Rebellen anschließen. Viele Menschen von meiner Universität sind gestorben. Ich wurde am Tag vor meiner Abschlussprüfung von einem Taxifahrer entführt. Ich schaffte es aber aus dem fahrenden Auto zu springen und mich in Sicherheit zu bringen. Am nächsten Tag habe ich die Klausur dann geschrieben und bestanden. Ich schätze, weil ich so viel Adrenalin im Körper hatte. Jetzt mache ich meinen Master in Duisburg, um später bei der UN zu arbeiten und mein Land wieder aufbauen zu können.“

 

Studieren im Irak

Sinan Ismael [31], Computational Engineering​, Universität Mossul ​

Student Sinan aus dem Irak

„Meine Universität in Mossul ist so etwas wie Heidelberg in Deutschland, eine der besten Unis des Landes. Es ist eine gemischte Uni, mit sowohl Männern als auch Frauen – es gibt zum Beispiel auch eine Dekanin. Aber seit 2003, seit der Besetzung durch die USA, tragen fast alle Frauen bei uns ein Kopftuch. Die Studenten  lernen zusammen, aber es gibt weder Umarmungen noch Händeschütteln zwischen Männern und Frauen. Die Zeit, in der die Stadt von den US-Soldaten besetzt war, war sehr chaotisch. Einerseits haben die Aufständischen oft US-Soldaten angegriffen, wobei unschuldige Zivilisten ums Leben gekommen sind. Andererseits haben die Amerikaner Professoren, Mitarbeiter und Studenten verhaftet, weil sie glaubten, es seien Terroristen. Ich bin jetzt seit 2013 in Rostock, nicht als Flüchtling, sondern weil ich einen Vertrag mit der irakischen Regierung abgeschlossen habe. Danach kehre ich wieder in den Irak zurück. Aber ich muss sehen, wie sich die Lage in meiner Heimatstadt entwickelt, denn der IS hat die Kontrolle in Mossul übernommen.“

 

Studieren in Afghanistan

Fahim Shpoon* [29], Wirtschaft​, Universität Kabul

„Mein Land, Afghanistan, ist von Konflikten geprägt. Ich würde sagen, es ist noch immer ein Kriegsgebiet. Das Ziel in vielen Schulen war es lange, die Bevölkerung zu radikalisieren und für die eigenen militärischen Zwecke zu rekrutieren. Ich selbst bin in Peschawar, im Norden Pakistans, zur Schule gegangen. Da lauteten Rechenaufgaben zum Beispiel ‚Wie viel ist eine Gewehrkugel plus noch eine Gewehrkugel?‘. Es war die reinste Gehirnwäsche. Auch später in der Uni gab es immer wieder Studenten, die einen islamistisch radikalisieren wollten. Die Taliban und andere Gruppen üben eine große informelle Kontrolle aus. Wegen der Selbstmordattentäter ist es in Afghanistan immer ein Risiko, auf die Straße zu gehen. Ich selbst war habe zwei bis drei Mal Zeuge eines Anschlags. Trotz der vielen Konflikte habe ich, anders als andere, Hoffnung für mein Land. Nachdem die Leute jahrelang dumm gehalten oder dazu erzogen wurden, intolerant zu sein, öffnet sich die Gesellschaft jetzt ein wenig.“

*Name geändert