Interview mit Philipp Poisel
Bild: Christoph Köstlin

 

Philipp Poisel ist der sensible Musiker mit der Gitarre – und vor der Bühne hängen Hundertausende an seinen Lippen und durchleben mit ihm seine Texte. Mit uns sprach er über sein neues Album und seine verhinderte Zeit an der Uni.

 

UNIGLOBALE: Dein neues Album heißt „Mein Amerika“. Sind die USA dein Sehnsuchtsort?

Philipp Poisel: Ja, absolut. „Mein Amerika“ beginnt eigentlich schon in der Kindheit, mit Hörspielen wie „Die drei Fragezeichen“ oder Serien aus Kalifornien wie „Knight Rider“, die ich damals geliebt habe. Für mich war es immer ein Land, wo viel passiert und viel Aufregendes herkommt. Bruce Springsteen zum Beispiel. Er hat mich damals wahnsinnig beeindruckt. Auch die Vorstellung, dass man in manchen Teilen der USA losfahren kann und tagelang nichts kommt, finde ich schön. Als ich mein erstes Auto bekam und bei meinen Eltern losfuhr, war das ein unglaublich krasses Freiheitsgefühl. Und ich stelle mir vor, dass man so in Amerika Wochen verbringen kann. Natürlich hat sich mein Bild von Amerika auch gewandelt. Aber die Sehnsucht ist, je länger ich nicht dort war, immer größer geworden.

Hat die Trump-Wahl deine Sicht verändert?

Ich versuche, das auf zwei getrennten Ebenen zu betrachten. Musik war für mich immer Freiheit. Früher bin ich von der Schule gekommen, habe einfach die Gitarre genommen und mich weggeträumt. Indem ich meine musikalische Seite zum Schwingen bringe, muss ich mich mit manchen Sachen daher gar nicht beschäftigen. Aber na klar, auch ich lebe in dieser Welt und habe als Erwachsener meine Sicht auf diese Dinge. Amerika sind für mich zwei verschiedene Seiten: Die eine ist märchenhaft, die andere ist leider real. Mein Album bezieht sich auf meine eigene künstlerische Wahrnehmung. Ich habe in Amerika gelernt, dass es sich immer lohnt, irgendwohin aufzubrechen, auch wenn es vielleicht anders ist, als man es erwartet hat. Denn gerade dann wird der Horizont weiter.

Dein neues Album wurde in Nashville, Tennessee produziert. Wie war es, außerhalb Deutschlands zu arbeiten und dann gleich noch in der Wiege der Country-Musik?

Durch den Sound, der dort gewachsen ist, hat sich mir eine neue Welt erschlossen. Ich habe einen Zugang zum Blues gefunden. Die Autos, die die Leute dort fahren, die Mädels mit ihren Cowboystiefeln, die Bars und Vintage-Gitarrenläden – wir haben wirklich in der Kultur dort gebadet. Und es war ein tolles Gefühl, in ein Studio zu gehen, das sehr historisch aufgeladen ist. Gerade in einer Zeit, in der der Computer etwas sehr Beliebiges hat. Denn ich mache die Buchhaltung mit demselben Gerät, mit dem ich Musik aufnehme. Mikrofone, riesiges Mischpult, riesige Bandmaschine und das Gefühl, dass jedes Brett dieses Plattenaufnehmen atmet – in Nashville war das ganz anders und etwas ganz Besonderes.

Sind die Songs zum neuen Album schon in Deutschland oder erst in den USA entstanden?

Genährt war immer alles von zeitgenössischer Musik, die in Nashville dort im Blackbird Studio gemacht wurde. Kings of Leon zum Beispiel. Ein Sound, bei dem ich dachte: Hey, wie macht man das? Ich wollte einfach hinter das Geheimnis dieses Studios kommen und die Atmosphäre und Performance einfangen. Die Interpretation eines Songs ist für mich immer ein wichtiger Teil, denn man gibt die Energie, die man in dem Moment hat, dort hinein.

Nach der Schule wolltest du ja eigentlich Lehrer werden. Woher kam dieser Wunsch?

Durch Erfahrungen während meiner eigenen Schulzeit. Ich hatte damals schon musikalische Ambitionen, dachte, dass ich das gut kann. Aber niemand wollte etwas davon wissen. Das hat mich sehr enttäuscht. Mich für die Leidenschaften von Schülern zu interessieren und diese zu fördern, unabhängig davon, ob das nun im Lehrplan steht oder nicht, war für mich eine inspirierende Idee. Gern wäre ich Musiklehrer geworden, bin aber an der Aufnahmeprüfung gescheitert. Noten lesen konnte ich nie. Also habe ich versucht, es mir kurz vorher noch beizubringen. Das war aber eher desaströs – für mich jedoch kein Grund, keine Musik mehr zu machen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich irgendwann noch mal die Chance. Der Traum vom Lehrerwerden ist noch da.

Du thematisierst in deinen Liedern immer wieder Gefühle wie Selbstzweifel, Schmerz oder Scheitern. Wie gehst du damit um? Hast du einen Tipp für unsere Leser?

Mit jeder Erfahrung, die man macht, wo man etwas überwindet, steigt für mich die Wahrscheinlichkeit, dass man auch die nächste Hürde noch nimmt. Rückschläge und Niederlagen bedeuten für mich nicht zwangsläufig, dass man daran wächst. Zumindest nicht sofort. Wenn man sich aber Zeit lässt und  auf sein eigenes Tempo hört, ist das durchaus möglich. Dann kann man Positives daraus ziehen.

Woher weißt du, wann ein Lied, das du schreibst, fertig ist?

Jedes Lied ist unterschiedlich, wie jeder Tag unterschiedlich ist. Mal fängst du beim Song vorne an, mal in der Mitte, mal hinten. Manchmal gibt es nur eine Idee für ein Gitarrenriff und manchmal hat man schon zu Beginn eine genaue Vorstellung, wie Anfang und Ende aussehen sollen. Dann geht’s sehr schnell, das sind dann ein paar Minuten mit der Gitarre. Bei anderen Liedern hat man hingegen nur eine Soundvorstellung mit der Band und lässt sich eher von der Stimmung verführen. Hätte ich noch mehr Zeit gehabt, hätte die Arbeit am Album wahrscheinlich nochmal fünf Jahre gedauert.

Du hast viele Tourneen und Auftritte vor Hunderten, Tausenden und Hunderttausenden absolviert. Bist du heute noch nervös, wenn es auf die Bühne geht?

Ich habe immer die Illusion, dass es jetzt vorbei ist und werde dann kurz vor dem Konzert eines Besseren belehrt. Denn dann geht immer wieder der Puls hoch. Also bisher habe ich es noch nicht erlebt, dass es kein Lampenfieber gegeben hätte. Es ist immer noch da und auch aufregend. Aber ich kann es heute auch genießen. Es gibt mir Power fürs Konzert.