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Lächeln schlägt :)

Du investierst mehr Zeit in Dating-Apps statt in einen echten Menschen? Dein Handy ist dein treuester Freund? Ohne Internet bekommst du Atemnot? Dann bist du hier genau richtig. In wenigen Minuten wirst du dich erleichtert zurücklehnen und lächeln. Versprochen. Es wird alles gut.

Und plötzlich sehe ich bei Facebook im „Sonstige“-Ordner diese Mail. Eine freundliche Anfrage, ob ich einen Text über „Freundschaft, Liebe und Sex im Internet-Zeitalter“ schreiben möchte. Für ein Unimagazin. Ich. Ich, die Studienabbrecherin, die nach einem Semester BWL ohne einen einzigen Schein und Schimmer fluchtartig den Siegener Campus verließ, um als Quereinsteigerin Journalistin zu werden. Ich, die Wahlberlinerin, die 15 Jahre jüngeren Studenten was über das Leben am Campus erklären soll. Ich, die kinderlose Singlefrau aus dem Pärchen-Vorzeige-Stadtteil Prenzlauer Berg, die was über die funktionierende Liebe wissen soll. Ich, die sich bestens mit Sexting, digitalem Fremdgehen und Dating-Apps auskennt und die trotzdem seit acht Jahren keine ernsthafte Beziehung mehr eingegangen ist. Ich, der bis dato fünf langjährige Freundinnen via E-Mail die Freundschaft aufgekündigt haben.

Liebe Mädchen, liebe Jungs, ich glaube, ich bin die genau die Richtige für euch. Was wollt ihr wissen? Fragt mich alles, denn meine schlimmsten und peinlichsten Erfahrungen sollen euch helfen. Mein Scheitern möge euch inspirieren. Und wenn ihr gerade leidet, so werdet ihr am Ende dieses Textes erleichtert aufatmen und wissen: Ihr seid nicht allein. Lernt von mir, denn ich schreibe jetzt alles auf, was ich über „Freundschaft, Liebe und Sex im Internet-Zeitalter“ weiß.

Freundschaft

Super! Wirklich, denn ohne das Internet und Smartphones hätten wir alle keine Freunde mehr. Wie zur Hölle sollen wir auch Kontakt halten? Mit den alten Schulfreunden im Ausland, denen an den anderen Unis und alljenen, die schon arbeiten? Wie sollen wir kommunizieren, wenn nicht via E-Mail, Chat und SMS? Ohne Social Communities wüssten wir gar nichts mehr über das Leben der Anderen, wohin sie in Urlaub fahren, wie ihre aktuellen Affären aussehen, ihr Wohnheim, ihre chaotischen Schreibtische. Ohne Social Sharing wüssten wir nicht, welche Lieder, Filme, Magazine und Promis unsere Freunde mögen und über welche lustigen Videos sie zuletzt gelacht und wo sie am Wochenende gefeiert haben. Wäre doch ein Jammer, oder?

Liebe

Genial! Denn mal ehrlich, die Liebe im Prä-Internet-Zeitalter war echt ein Graus. Unsere Großeltern haben sich beim Tanzen kennengelernt und wussten höchstens ihre Adressen, weil Festnetztelefon teuer war. Sie bleiben ihr Leben lang verheiratet, gingen höchstens mit der Nachbarin fremd, wissen bis heute nicht wirklich, was dieses Internet und ständige Handygetippe eigentlich sein soll. Unsere geschiedenen Eltern kennen sich damit schon besser aus, stellen sich beim Online-Dating jedoch unbeholfen an. Sie lesen aufmerksam Spammails durch und formulieren SMS, die entweder wie Bedienungsanleitungen klingen oder mit albernem Smileys und Ausrufezeichen gespickt sind. Und wir? Brillieren auf allen Online-Parketts der Liebe. Wir pflegen Fernbeziehungen dank Skype, chatten in der Vorlesung oder Mensa mit unserem Schatz, vereinbaren unkompliziert Dates und Urlaube via Whatsapp. Was nützt die Liebe ohne Internet? Eben. YOLO.

Sex

Oh ja, wie gut wir es haben! Wir verschicken dank Filterfunktionen und totaler Unerschrockenheit Nacktfotos und heimlichen Dirty Talk. Wir betrügen unsere momentane Affäre digital mit einer Handvoll Kommilitonen-Flirts. Wir halten unsere Fernbeziehungen mit Partnern im London oder Lüneburg via Skype-Sex auf Trab und führen polyamouröse, offene oder keine Beziehungen. Ohne Smartphones und Internet säßen wir sexuell gesehen buchstäblich auf dem Trockenen. So ganz ohne YouTube-Pornos, eigene gedrehte Sex-Tapes und Bikini-Bridge-Selfies am Strand.

Meine ich das alles ernst? Ja. Mein Handy ist voll unzüchtiger Fotos und ich habe Screenshots von verruchten SMS gespeichert, für Momente voller Sehnsucht oder Selbstzweifel. Oder zum Beweis des hemmungslosen Verfalls unserer Intimsphäre.

Meine letzten fünf Affärenmänner habe ich alle via Facebook kennengelernt, über gemeinsame digitale Freunde oder weil ich drei Jahre alte und extrem schöne Profilfotos benutze. Gleichzeitig flirte ich mit wechselnden Männern, darunter verheiratete, fest liierte oder anderweitig nicht zu liebende. Unerreichbar, aber digital nur eine Sekunde entfernt.

Mein ein Dutzend Freundschaften halte ich nur dank Internet und Smartphone aufrecht, weil die meisten dank Kinder kaum mehr telefonisch erreichbar sind. Wenn mein Vater wieder einmal einen Kommentar mit fünf Ausrufezeichen!!!!! geschrieben hat, ich meiner Mama bei ElitePartner beim Flirten helfe, ich mit meinem Neffen Facetime mache oder ich gleichzeitig bei Netflix „Sherlock“ schaue, auf dem Tablet die Vita von Benedict Cumberbatch recherchiere und parallel einer Freundin schreibe, dass sie das unbedingt gucken muss – in solchen Momenten fasse ich mir echt an den Kopf und wünsche mich wieder ins Jahr 1999.

Das Jahr, als ich mich in Siegen immatrikuliert habe. Das Jahr, als ich claraott@web.de in die URL-Zeile tippte. Das Jahr, als ich mein erstes Handy, ein Samsung mit zweizeiligem Display, bekam. Dass Jahr, als ich dachte, mir stünde mit BWL die ganze Welt offen. Dass Jahr, als ich mit dem Auto und einer Landkarte auf dem Beifahrersitz von Ostwestfalen nach Siegen fuhr, um dort meinen Glauben an mich als Akademikerin zu verlieren.

Liebe Mädchen und liebe Jungs, ich beneide euch sehr, dass ihr ein Leben an der Universität oder Fachhochschule führt, mit Gratis-Wifi im Wohnheim, Handyempfang im Audimax, Millionen Flirtoptionen, voll Entscheidungsfreiheit und der ganzen Welt eine Sekunde entfernt. Nutzt diese Möglichkeiten, aber verplempert euer Leben nicht mit dem Anstarren von Displays. Differenziert zwischen lustigen Videos und ernsthafter Kommunikation. Lasst das Multi-Tasking-Chatten in der Mensa und widmet euch der Nahrungsaufnahme und eurem Gegenüber. Macht euch bewusst, dass niemals die beste Zeit eures Lebens kommt, sondern immer das Hier und Jetzt ist. Genießt das Lernen, habt keine Angst vor Prüfungen, steht selbstbewusst und aufrecht und entspannt euren stets zum leuchtenden Display geneigten Nacken.

Jetzt gerade lest ihr diese Zeilen, in einem gedruckten Magazin. Um euch herum starren sie in Smartphones und Monitore, aber wer blickt euch in die Augen? Man sagt, ein Lächeln sei die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen. Das stimmt. Und kein ;-) kann da mithalten. Das ist das, was ich über „Freundschaft, Liebe und Sex im Internet-Zeitalter“ gelernt habe.

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